Das Loch am Ende des Tunnels

Das Loch am Ende des Tunnels

04.08.2020/rhes

Der August ist in Brüssel ein heiliger Ferienmonat. Beamte, Diplomaten und Journalisten verlassen die Stadt. Aber Achtung: Abschalten will gelernt sein. Eine Kolumne von Remo Hess.

 

Strassen sind leer geworden im Europaviertel, viele Restaurants und Cafés haben geschlossen. Nein, Brüssel ist (noch) nicht in den Corona-Lockdown zurückgekehrt. Es ist nur die übliche Entschleunigung, die jedes Jahr gegen Ende Juli einsetzt. Der Grund: Der August ist in der EU-Hauptstadt ein fast schon heiliger Ferienmonat. Die tausende an EU-Beamten, Diplomaten, Think-Tanker, Lobbyisten und Journalisten schwärmen aus in ihre Heimatländer und die EU wird für ein paar Wochen auf Sparflamme runtergedreht.

 

Der kollektive Rückzug ist ein Ritual, das mir zuerst recht eigenartig vorkam, als ich hier im Jahr 2016 angekommen bin. Brüssel lässt die Läden runter – geht das überhaupt? Ja, es geht. Ein reduziertes Team an EU-Beamten hält die Stellung in der Hauptzentrale, dem Brüsseler Berlaymont Gebäude. Im Rotationssystem muss jeweils ein EU-Kommissar auf Posten bleiben und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist sowieso durchgehend erreichbar, wenn es sein muss auch im Urlaub am Strand. Ansonsten aber wird der Betrieb auf ein Minimum heruntergefahren, die EU in einen sommerlichen Tiefschlaf verlegt. Es tagen keine Parlamentsausschüsse, es finden keine Treffen des Ministerrats statt. Funkstille.

 

«EU-Gipfel sind gleichzeitig langweilig
und das Spannendste
im EU-Geschäft überhaupt.»

 

Für Journalisten ist es neben Weihnachten-Neujahr die einzige Möglichkeit, ohne schlechtes Gewissen wegzufahren. Sonst ist hier nämlich immer etwas los. Das bilaterale Dossier, die Migration, das transatlantische Verhältnis, China, institutionelle Streitigkeiten, der Zoff um die Rechtstaatlichkeit, Balkan-Erweiterung und natürlich Brexit – der Strom an Themen, die man täglich beackern könnte, reisst quasi niemals ab.

In den Wochen vor der Sommer- und Winterpause erhöht sich der Durchlauf aber nochmals zusätzlich und die EU-Maschine schaltet in den obersten Gang. Es ist dann, wenn die rotierende Ratspräsidentschaft ihr Mandat weitergibt und die sogenannten Triloge, wie die Einigungsverhandlungen zwischen Kommission, EU-Parlament und Ministerrat heissen, abzuschliessen versucht. Neue Gesetzesinitiativen werden von der Kommission gerne auch noch kurz vor den Ferien herausgepresst. Und manchmal, so wie dieses Jahr, kommt noch ein ausserordentlicher EU-Gipfel dazu, der in diesem Falle mit der Verhandlungen über das historische 750-Milliarden Corona-Hilfspakt sich über vier Tage und vier Nächte hinzog und einer der längsten in der Geschichte der EU war. *

 

Das spannende an EU-Gipfeln

EU-Gipfel sind ohnehin speziell. Sie sind gleichzeitig äusserst langweilig und das Spannendste im EU-Geschäft überhaupt. Langweilig sind sie deshalb, weil man stundenlang herumsitzt, ohne irgendetwas Substantielles zu erfahren. Die EU-Staats- und Regierungschefs tagen bekanntlich hinter verschlossenen Türen. Man wartet und wartet, bis sich irgendein Diplomat runter ins Forum des EU-Ratsgebäudes begibt, um die Journalisten mit Informationshäppchen zu versorgen, wo die Reise hingehen könnte. Dann wiederum können EU-Gipfel hochspannend sein, weil sie plötzlich eine rasante Eigendynamik entwickeln. Das Paradebeispiel ist vielleicht der Gipfel zur Wahl der neuen EU-Spitze im Juli 2019, als die EU-Staats- und Regierungschefs – ebenfalls nach durchverhandelten Nächten – völlig unerwartet Ursula von der Leyen als Kommissions-Chefin aus dem Hut zauberten. Damit hatte nun wirklich niemand gerechnet (auch wenn einige Kollegen heute behaupten, den Ausgang längst vorhergesehen zu haben).

 

Wegen der Unberechenbarkeit von EU-Gipfeln muss man als Journalist oft auch versuchen, ein Kunststück aufzuführen. Es besteht darin, bis zum Redaktionsschluss einen Text abzuliefern, der am nächsten Tag noch einigermassen stimmig daherkommt. Das ist deshalb schwierig, weil die Staats- und Regierungschefs beim gemeinsamen Abendessen über die Deadline hinaus verhandeln und die Dinge sich laufend verändern. Wenn man dann um 19 Uhr noch keine Zeile geschrieben hat, sich kaum abschätzen lässt, ob die «Sparsamen Vier» den Corona-Gipfel nun platzen lassen oder es doch eine Einigung gibt, kann das schon einen ordentlichen Stressmoment auslösen. Damit sie mich nicht falsch verstehen: Es geht hier nicht um Selbstüberhöhung, der Journalisten sonst schon viel zu oft verfallen sind. Das Abwegen von Unsicherheiten ist das Normalste in diesem Job überhaupt. Und der Bäcker, der täglich um 3 Uhr früh mit der Arbeit beginnt, erlebt gewiss auch seine Stressmomente. Aber trotzdem: Einen kleinen, bescheidenen Rest an Abenteuerlichkeit haben diese EU-Gipfel – zumindest in meiner Erfahrung – doch in sich.

 

«Eine Kollegin sprach von einem
Gefühl einer kleinen
«post-Gipfel-Depression.»

 

Zumal sich das Prozedere mit der Deadline beim jetzigen Mammut-Gipfel während dreier Tagen wiederholte. Hat man den Gipfel-Schlauch dann verlassen, gilt es aufzupassen: Eine Kollegin sprach von einem Gefühl einer kleinen «post-Gipfel-Depression» und meinte das nur halb im Spass. Andere haben überhaupt kein Problem damit, vom Ausnahmezustand in den Alltag zurückzukehren. In einem weiteren Sinne lässt sich die Beobachtung aber auch auf den Anfang der grossen Ferien im August übertragen: Um bei der «Rentrée» im September erholt zurückzukehren, tut man gut daran, eine Strategie zum lauwarmen Entzug aus dem steten News-Flow zu entwickeln. Ansonsten, so die Gefahr, könnte einem statt dem vielzitierten Licht auch eher ein Loch am Ende des Tunnels erwarten.

 

*Nur Nizza im Jahr 2000 war länger, wobei sich die Experten uneinig sind, wann der Gipfel tatsächlich angefangen hat und ob nicht doch der Corona-Gipfel im Juli der wirklich längste war.

 

Remo_Hess_Portrait

Remo Hess (34), berichtet seit 2016 als Korrespondent von «CH Media» aus Brüssel über die EU-Politik und die Nato. Er studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, Politologie und neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich und schloss mit dem Master ab.

Remo Hess schreibt an dieser Stelle in unregelmässigen Abständen über News und Hintergründiges aus der EU-Hauptstadt Brüssel für die Leserschaft des Europa Forum Luzern.