Ein Interview mit Julie Cantalou, Co-G.-Sekr., glp

Ein Interview mit Julie Cantalou, Co-G.-Sekr., glp

10.11.2021/efl

Julie Cantalou ist Mitglied unseres Executive Committees und erzählt im Interview über ihr Engagement im Europa Forum Luzern. Erfahren Sie zudem, warum starke Partnerschaften wie mit der EU für die Schweiz so wichtig sind.

 

Warum engagieren Sie sich für das Europa Forum Luzern?

Vor ein paar Jahren, als ich noch bei foraus – Forum Aussenpolitik – war, nahm ich wahr, dass sich das Europa Forum für neue und junge Akteure, für zukünftige Leader statt nur heutige öffnet. So entstanden ein erster Kontakt und eine Zusammenarbeit bei generationsübergreifenden Veranstaltungen. Der Grund, weshalb ich mich fürs Forum begeistern konnte, ist aber ein anderer: Die zunehmende Polarisierung in der Europapolitik macht mir Sorgen. Man redet in Europa nicht mehr miteinander, und wenn, dann nicht um Lösungen zu finden. Sorgen macht mir auch die verfahrene Situation der Schweiz. Das Rahmenabkommen mit der EU ist jetzt nichts als ein grosser Scherbenhaufen. Dialogplattformen wie das Europa Forum sind deshalb enorm wichtig, um das gegenseitige Verständnis und Vertrauen zu fördern. Das EFL ist dabei ziemlich einmalig. Keine andere Plattform versucht, so viele Brücken zu schlagen, sei es zwischen Parteien, Wirtschaftssektoren oder Generationen. Und dieser Dialog trägt letztlich zu Lösungen bei.

 

Tut das Europa Forum genug gegen diese Polarisierung? Was könnte es sonst noch beitragen?

Ich sehe das Forum in Zukunft noch stärker in der Rolle als Impulsgeber als bisher. Zusätzlich zur Rolle als neutrale Diskussionsplattform kann es so stärker eigene Akzente und Impulse setzen. Dieser Weg wurde bereits eingeschlagen. Dann gefällt mir, dass das Forum Persönlichkeiten eine Stimme gibt, die noch keine Plattform haben oder in der Schweiz nicht bekannt sind. Die jährlich gewählten Impulsgeber:innen zum Beispiel. Oder Redner und Rednerinnen an Veranstaltungen. Nur so werden neue Ansichten gehört. In diesem Bereich ist noch mehr möglich.

 

Was sind Ihre Aufgaben beim Europa Forum Luzern?

Als Mitglied des Executive Committees sehe ich meine Rolle primär in der strategischen Weiterentwicklung und Positionierung der Organisation. Weiter trage ich gemeinsam mit Cécile Rivière die Verantwortung für eine der fünf Förderinitiativen: Für die Initiative Generation Zukunft, bei der wir den generationsübergreifenden Dialog fördern. Darüber hinaus kann ich mich als Ideengeberin einbringen. Ideen und Erfahrungen, die ich dank meinem breiten Netzwerk in der Politik und meiner Zeit bei foraus gesammelt habe. Last but not least habe ich lange im europäischen Ausland gelebt und nicht bloss ein Verständnis von den Institutionen, sondern auch von den verschiedenen Kulturen. Dieses will ich in die Arbeit des Europa Forums einfliessen lassen.

 

Ein Verständnis, das Ihrer Meinung nach oft fehlt. Welchen Weg müssten die Schweiz und die EU gehen, um sich wieder anzunähern?

Ich habe mich stark für das Rahmenabkommen eingesetzt. Es hätte viele institutionelle Fragen gelöst. Jetzt droht ein allmählicher Zerfall des Bilateralen Abkommens, das ist gefährlich. DIE Lösung, wie es weitergehen soll, habe ich nicht. Aber unzählig viele Modelle, um die institutionellen Fragen zu lösen, gibt es ja nicht. Da wären das Rahmenabkommen, ein EWR- oder EU-Beitritt. Diese Möglichkeiten müssen jetzt diskutiert werden. Das Hauptproblem der Schweiz ist aber vor allem das fehlende Leadership des Bundesrates in der Europapolitik. Die geteilten Meinungen im Gremium führen in diesem für die Schweiz zu Blockaden. Es wäre gut, wenn sich der Bundesrat bis Oktober eine Strategie überlegt. Dann will die EU-Kommission nämlich die ihre bekannt geben. Leider verharrt die Schweiz aber meistens im Reaktionsmodus und wartet ab, bis Brüssel seine Bedingungen stellt.

 

Die Schweiz verharrt im Reaktionsmodus und doch ist die EU vor allem mit sich selbst beschäftigt. Im letzten Jahrzehnt jagte eine Krise die nächste. Was muss Europa tun, um global nicht abgehängt zu werden?

Hier möchte ich den Bogen zum Jahresthema «Die Schweiz und Europa im Banne Chinas» schlagen. Ich bin immer wieder erstaunt, dass die Europadiskussion in der Schweiz fast nur aus wirtschaftlicher Sicht geführt wird. Diese Sicht greift zu kurz, denn es gibt auch geopolitische Gründe, die ein starkes Verhältnis zur EU erfordern. Mit Blick auf China und die multipolare Welt sind starke Partnerschaften für die Schweiz von zentraler Bedeutung – und auch historisch und kulturell ist uns Europa am nächsten. Gute Beziehungen sind die Voraussetzung für eine starke Stimme der Schweiz in der Welt. Ohne sie hat man als kleines Land keine Chance, um zum Beispiel allgemeingültige Regeln einzufordern. Europa erlebt aber tatsächlich nicht gerade seine glorreichste Zeit, die letzten Jahre waren von Krisen geprägt. Trotzdem ist der Einfluss Europas in der Welt nicht zu unterschätzen.

 

Zur Person:

Julie Cantalou (37) ist seit August 2021 Co-Generalsekretärin der Grünliberalen Partei. Davor war sie in der Strategieentwicklung der ETH Zürich und Vizepräsidentin der aussenpolitischen Denkfabrik foraus. Die Zürcherin (ursprünglich Bernerin) studierte Politikwissenschaften und arbeitete danach zwölf Jahre lang im europäischen Ausland, unter anderem für politische Stiftungen in Barcelona und Brüssel. Für das Europa Forum Luzern ist sie seit eineinhalb Jahren tätig.