Ein Interview mit Philipp Gmür, Vize-Präsident EFL

Ein Interview mit Philipp Gmür, Vize-Präsident EFL

28.10.2021/efl

Wir fragten unseren Vize-Präsidenten & Group CEO Helvetia Versicherungen, Philipp Gmür, welche Motivation ihn antreibt, sich für das Europa Forum Luzern zu engagieren. Zudem sprachen wir über das gescheiterte Rahmenabkommen mit der EU, die Folgen für die Schweiz und inwiefern das EFL dazu beisteuert, eine starke Schweiz und ein starkes Europa zu fördern. Lernen Sie unseren Vize-Präsidenten näher kennen.

 

Warum engagieren Sie sich für das Europa Forum Luzern?

Es sind zwei Aspekte, die mich vor knapp drei Jahren dazu bewogen haben: Europa und der Standort Luzern. Die Schweiz hat seit je her ein besonderes Verhältnis zu seinen europäischen Nachbarn, sei es als Finanzplatz, Werkplatz oder als Tourismusdestination. Unsere Beziehung zeichnet sich durch Offenheit und ein gesundes Selbstbewusstsein aus. Um ein vernünftiges Verhältnis zu behalten, muss man aber im Dialog bleiben. Dieses Credo führte nach dem EWR-Nein 1992 ja überhaupt zur Gründung des Forums. Und es gilt heute mehr denn je. Wir sind verflochten mit Europa und müssen weiterhin einen Weg finden, miteinander auszukommen. Deshalb bin ich überzeugt, dass es das Forum als Diskussionsplattform braucht. Dann engagiere ich mich auch aus Liebe zu meiner Heimat Luzern. Das EFL ist eine grosse Chance, Luzern zusätzlich zur Tourismusstadt und Musikstadt, auch als Kongressstadt zu positionieren.

 

Wie bringen Sie sich beim Forum genau ein?

Im Executive Committee übernehmen wir die üblichen Aufgaben eines Vorstandes: Wir gestalten die Jahresplanung mit und liefern Inputs zum Programm, zu Referenten und Veranstaltungen und zu möglichen Partnern und Sponsoren. Die konkrete Umsetzung liegt bei der Geschäftsstelle. Für mich ergeben sich um die sechs bis acht Sitzungen pro Jahr.

 

Sie sagten, dass wir eine vernünftige Beziehung zu Europa brauchen. Wie beurteilen Sie die gescheiterten Verhandlungen über das Rahmenabkommen mit der EU?

Ich wäre nicht vom Verhandlungstisch mit der EU weggelaufen, wie es der Bundesrat getan hat. Durch Weglaufen entstehen verletzte Eitelkeiten, die nur schwer wieder zu kitten sind. Wir müssen einen besseren Realitätssinn und eine gewisse Demut an den Tag legen. Denn die Welt der EU und ihrer Mitgliedstaaten dreht sich nicht um die Schweiz. Im Gegenteil: Die EU ist mit so vielen anderen Themen beschäftigt, dass das Dossier Schweiz in der Versenkung zu verschwinden droht. Das ist nicht gut. Denn wirtschaftlich sind wir sehr abhängig. Freihandelsabkommen wie jenes mit Indonesien oder den Mercosur-Staaten können die gewichtigen Handelsbeziehungen mit Deutschland oder Frankreich längst nicht kompensieren.

 

Aber sind die Folgen für die Schweiz momentan wirklich so schlimm?

Aktuell besteht eine grosse Unsicherheit. Für unseren Standort, der sich durch Rechtssicherheit und Stabilität auszeichnet, ist das Gift. Ich denke da zum Beispiel an die Börsenäquivalenz oder das EU-Forschungsprogramm Horizon. Letztlich finden sich meistens Lösungen, die sind aber komplizierter und teurer. Schwieriger ist es aber bei länderübergreifenden, paneuropäischen und globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel, der Covid-Krise oder der Migration. Hier macht ein Alleingang keinen Sinn. Wir sind auf die Zusammenarbeit mit Europa angewiesen. Im Gegenzug können wir ja auch einiges bieten.

 

Was?

Ganz viel! Als Exportindustrie sind wir stark im Bereich Pharma, Chemie, Maschinen, Finanzdienstleistungen und in der Tourismusindustrie. Um erfolgreich zu sein, sind wir aber auch darauf angewiesen, dass man uns und unsere Leistungen im Ausland schätzt. Dafür dürfen wir uns, wie zuletzt beim Rahmenabkommen, selber nicht überschätzen.

 

Was kann das Europa Forum Luzern beisteuern, um die Beziehung zur EU zu verbessern?

Das Forum bietet eine Plattform, die Diskussionen und Kontroversen zulässt. Es stellt sicher, dass solche Fragen thematisiert werden, und zwar auch ausserhalb der üblichen Kreise wie politischen Parteien, Wirtschaftsverbänden und Interessengruppen. Auch Leute aus der Gesellschaft, jung und alt, können sich beim Forum austauschen und die Auseinandersetzung mit Europa am Leben erhalten. Das EFL kann so Impulse vermitteln. Aber klar, die Lösungen muss am Schluss die Politik erarbeiten.

 

Ist das EFL tatsächlich so brückenbauend und nicht eher wirtschaftslastig?

Anfangs engagierten sich vornehmlich Leute aus Politik und Verwaltungen für das Forum. Die Einbindung der Wirtschaft kam später und war ein wichtiges Ziel. Jetzt wollen wir vermehrt die sogenannte Zivil-Gesellschaft erreichen, zum Beispiel indem wir unsere Gremien mit Leuten aus der jüngeren Generation oder der Romandie breiter besetzen. Ein weiteres Ziel ist, das Forum noch internationaler auszurichten, als es heute schon ist. Das schlägt sich bereits in der erfolgreichen Erweiterung des Steering Committees nieder.

 

Zur Person: 

Philipp Gmür (58) ist aus Luzern und seit über 25 Jahren für die Helvetia-Versicherungen tätig, seit fünf Jahren als Group CEO. Er ist unter anderem Mitglied im Vorstand von economiesuisse, im Stiftungsrat von avenirsuisse und sitzt im Verwaltungsrat von Allreal und der Kursaal-Casino AG Luzern. Seit drei Jahren engagiert er sich im Executive Committee beim Europa Forum Luzern. Davor war er unter anderem Präsident bei Luzern Tourismus.