Europa darf nicht Bittsteller werden

Europa darf nicht Bittsteller werden

25.11.2021/efl

«Das Wissen von gestern ist nicht unbedingt die Kompetenz von morgen», mit diesen Worten macht Joe Kaeser zum Auftakt seiner Rede klar: China verändert sich schnell und im Umgang mit dem Land müsse man sehr flexibel bleiben, so seine Kernbotschaft.

 

Dynamik mit Risiko

Die Dynamik Chinas sei nach wie vor ungebremst und schlage sich am augenscheinlichsten in den nach wie vor beeindruckenden Wirtschaftszahlen nieder. Mit einer Kurve, die seit zwanzig Jahren nach oben zeigt, unterstreicht er dies noch einmal: «Das Bruttoinlandsprodukt Chinas hat sich in den letzten 20 Jahren verzehnfacht».  Die Erfolgsgeschichte Chinas sei aber auch eine Erfolgsgeschichte vieler internationaler Konzerne, führt der ehemalige Siemens-Chef weiter aus, allerdings auch eines mit Risiken. Volkswagen zum Beispiel, mache 39% seines Geschäftes heute in China, bei ABB nennt er 16%, bei Nestle soll der chinesische Markt 7% ausmachen und Roche komme auf 9%. Solche Zahlen schaffen auch Abhängigkeiten, warnt Kaeser, sie bergen Potential für Konflikte.

 

Auf Augenhöhe bleiben

Auf ähnliche Abhängigkeiten reagierten die USA unter Donald Trump mit wachsender Konfrontation. Die Vereinigten Staaten befänden sich seither in eine unerbittlichen Wettbewerbskampf mit China, bei dem es um die Frage der künftigen Nummer Eins geht. Europa dürfe bei diesem Kampf nicht einfach unbeteiligt zusehen, sagt Kaeser. «Wo bleibt Europa? Wo bleibt die Schweiz?» Die Antwort auf die rhetorisch gemeinte Frage liefert Joe Kaeser in leicht süffisantem Unterton gleich selber: «Wir beschäftigen uns mit uns selbst und sind dabei nicht einmal im Aufholmodus.» Dies sei ein fataler Fehler, denn Europa laufe Gefahr, irgendwann als Bittsteller auftreten zu müssen. «Mit der Effizienz des chinesischen Systems können wir nicht mithalten, unsere Stärke ist die Innovation.» Dass die Effizienz des chinesischen Systems vor allem auch mit undemokratischen politischen Strukturen zu tun hat, klammert Kaeser an dieser Stelle aus. «Man sollte den Unternehmen nicht die Aufgaben der Politik zumuten, sagt er dazu nur. Allerdings hätten grosse Firmen schon auch eine Vorbildsrolle zu wahren. Selbstverständlich müssen man aber Normen einhalten. Am allerwichtigsten sei jedoch, dass man sich innerhalb Europas besser abstimme und nicht übereinander, sondern miteinander rede.