Hinter vorgehaltenen Händen

Hinter vorgehaltenen Händen

28.10.2020/rhes

Ohne anonyme Quellen geht in Brüssel gar nichts. Doch der Umgang mit ihnen ist nicht unproblematisch. Die Kolumne von Remo Hess.

Als Korrespondent in Brüssel kann es passieren: Man kann zwischen die Fronten kommen. So wie der Kollege von einer Deutschschweizer Tageszeitung kürzlich. Anonyme EU-Funktionäre würden sich mit Vorzug an ihn wenden, wenn sie wieder einmal eine saftige Botschaft in die Schweiz absondern wollten. Der Kollege liesse sich willig instrumentalisieren, ja zum Sprachrohr Brüssels machen, hiess es wenig schmeichelhaft in einer Medienkolumne.

 

Meiner Ansicht nach ist das recht billig. Es ist das alte Klischee, man liege im Bett mit dem Feind. Man zielt auf den Überbringer einer Botschaft, weil einem der Inhalt der Aussage nicht gefällt. An sich ist das eine langweilige Diskussion. Bedenklich ist nur, wenn der Vorwurf oft von altgedienten Journalisten kommt. Sie sollten es doch besser wissen.

 

Ein Punkt aber scheint mir diskussionswürdig. Nämlich der Umgang mit anonymen Quellen. Denn es stimmt: In Brüssel findet die Welt hinter vorgehaltenen Händen statt.

«Die Schweiz ist als Drittland schlicht
kein wichtiger Markt in der
EU-Aufmerksamkeitsökonomie.»

Grundsätzlich gibt es drei Zitationsniveaus: «On the record», «off the record» und «im Hintergrund». Im ersten Fall darf Quelle mit Klarnamen und Funktion genannt werden. Für jeden ersichtlich ist das zum Beispiel, wenn Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen als Reaktion auf die Abstimmung zur Begrenzungsinitiative mitteilt, dass der Bundesrat beim institutionellen Rahmenabkommen nun «zügig vorankommen» solle. Für «off the record» können immerhin Zuschreibungen wie «EU-Diplomat» oder «Kommissionskreise» verwendet werden. Die Herkunft von Hintergrundinformationen aber muss verborgen bleiben. Das mündet dann in Formulierungen wie «In Brüssel hört man» oder ähnlichem. Das kann von überall kommen: Von der Kommission, vom Parlament, von Mitgliedstaaten oder sonst «informierten Kreisen», wie es sie hier zu Genüge gibt.

 

Was für den Leser durchaus verwirrend wirken kann: In Brüssel ist selten etwas «on the record». Vor allem für uns Schweizer nicht, weil wir als Drittland schlicht kein wichtiger Markt in der EU-Aufmerksamkeitsökonomie sind. Interviews an Schweizer Zeitungen zu geben macht für viele EU-Kommissare keinen Sinn: Das bilaterale Thema ist zu komplex und daneben gibt es in der Schweiz nicht wirklich etwas zu gewinnen. Trotzdem ist es erstaunlich, dass der ehemalige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in seinen fünf Jahren Amtszeit nicht ein einziges Interview einer Schweizer Zeitung gewährt hat. Dies, obwohl sich die Anfragen haufenweise stapelten. Vielleicht hätte er es besser getan.

«Beamte und Diplomaten haben nie oder
in den seltensten Fällen das Recht, sich öffentlich zu äussern.
Die Herkunft von Hintergrundinformationen
aber muss verborgen bleiben.»

Wie dem auch sei: Es ist klar, dass es der Glaubwürdigkeit nicht dient, wenn ein ganzer Artikel auf ungenannten Quellen basiert oder den Eindruck hinterlässt, hier werde lediglich vom «Hörensagen» berichtet. Anonyme Quellen verstärken zudem das Bild einer gesichtslosen, blutleeren Brüsseler-Bürokratie, auch wenn die Praxis in Washington, Berlin oder Bern in ähnlich hohem Ausmass zur Anwendung kommen dürfte.

 

Strukturell hat es einen einfachen Grund, weshalb bei der Polit-Berichterstattung so viele anonymisierte Quellen zitiert werden: Beamte und Diplomaten haben nie oder in den seltensten Fällen das Recht, sich öffentlich zu äussern. Viele würden es auch nie tun, weil sie im Gegensatz zu Politikern Angst haben, mit einem falschen Wort ihre Karriere zu gefährden. Und zweitens, und das ist vielleicht der entscheidende Grund, ist in Brüssel immer alles im Fluss. Institutionelle Politik ist dynamisch, es ist das ständige Zusammenspiel zwischen verschiedenen Ebenen und Organen. Da kann es durchaus Sinn machen, sich nicht vorschnell festzulegen. Zumindest nicht offiziell.

 

 

Allgemein basiert die Arbeit als Journalist in Brüssel wie überall auf Vertrauen. Das muss man sich mühsam erarbeiten. Wenn man sich nicht an die Abmachungen hält und Quellen öffentlich macht, ist einem sehr schnell der Zugang verwehrt. Auf der anderen Seite muss man sich natürlich auch bewusst sein, dass einem der Gesprächspartner aufgrund der gewährten Anonymität unter Umständen Sachen sagt, die er on the record nie sagen würde. Eventuell will sich die betreffende Person auch bloss profilieren. Es ist dann an jedem einzelnen abzuschätzen, inwiefern man jede Äusserung eins zu eins wiedergeben will. Das ist aber in Bern wie in Brüssel das Gleiche.

Remo_Hess_Portrait

Remo Hess (34), berichtet seit 2016 als Korrespondent von «CH Media» aus Brüssel über die EU-Politik und die Nato. Er studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, Politologie und neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich und schloss mit dem Master ab.

Remo Hess schreibt an dieser Stelle in unregelmässigen Abständen über News und Hintergründiges aus der EU-Hauptstadt Brüssel für die Leserschaft des Europa Forum Luzern.