Nora Bossong
über die Millennials

22.06.2022/ef

«Die 35-45-Jährigen müssen das Harmonisierende hinter sich lassen und Härte lernen.»

Die deutsche Schriftstellerin Nora Bossong (40) spricht im Interview über die mangelnde Reife der um die Vierzigjährigen und was das für die Zukunft Europas bedeutet. Das Harmonisierende, so die Autorin, müssten die 35- bis 45-Jährigen jetzt ablegen.

Für das Gespräch lud Nora Bossong nach Lenzburg im Kanton Aargau ein, wo sie gerade im Literaturhaus „Müllerhaus“ residiert. Das historische Bauwerk aus dem 18. Jahrhundert samt blühendem Garten wirkt malerisch, da müssen beim Schreiben die Ideen sicher fliessen. Es geht, meint Nora Bossong, sie sei mehr der urbane Typ. Inspiration hole sie sich tagsüber in Zürich.

Ihre Spezialität sind Bücher, die politisch aber nicht moralisierend sind. Ihr jüngstes „Die Geschmeidigen: Meine Generation und der neue Ernst des Lebens.“ ist Anlass für das Gespräch. Die Frage, welches Europa die Millennials (1980-1997) wollen, treibt dieses Jahr auch das Europa Forum um. Im November wird Bossong als Speakerin am Annual Meeting im KKL auftreten.

 

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Millennials in einer Sorglosigkeit aufgewachsen sind, die sie bequem und nicht für Freiheiten einstehend gemacht hat. Was ist von einer solchen Generation, die nun zunehmend Entscheidungspositionen einnimmt, zu erwarten?

Nora Bossong: Genau genommen beschreibe ich die 1975- bis 1985-Geborenen, die jetzt um die 40 sind. Ich bin in meinem Buch vor allem zu einer Aufforderung gekommen. Trotz oder gerade wegen all der Krisen, in denen wir uns befinden, muss meine Generation wieder zu einem positiven Zukunftsbild kommen und dieses auch gestalten. Wir müssen uns unserer politischen Handlungsfähigkeit bewusster werden und das Engagement nicht schleifen lassen, sobald es den Spassbereich verlässt.

 

Engagiert sich diese Generation nur, solange es Spass macht?

Nicht nur. Aber ich denke zum Beispiel an Berlin, wo man nach einer durchgefeierten Nacht gerne direkt an eine Demo geht. Sobald das politische Geschäft etwas langweiliger zu werden droht, ziehen viele ab. So beraubt man sich wichtigen Gestaltungsmöglichkeiten und eigentlich auch einer Dimension des Menschseins, nämlich der Dimension politische Wesen zu sein.

 

Was ist mit jenen, die schon in Entscheidungspositionen sind?

An sie stelle ich die Aufforderung, ein Stück ihrer Geschmeidigkeit hinter sich zu lassen, Ecken und Kanten zu erlangen und in den Momenten, in denen es unbequeme Entscheidungen zu fällen gibt, nicht klein beizugeben. Das Haromonisierende, das Kompromiss-Suchende, das meine Generation ausmacht, kann eine Stärke sein. Manchmal muss man einen Teil der Harmonie aber hinter sich lassen.

 

Härte braucht es auch gegen Aussen, wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigt. Sind die Vierzigjährigen, die Sie als die Stillen, die Geschmeidigen, oft auch Angepassten beschreiben, bereit, Politikern vom Kaliber Putins die Stirn zu bieten?

Das ist eine entscheidende Frage, denn unsere Generation muss anders als die kriegserfahrene Generation vorher Härte erst noch lernen. Die Vierzigjährigen, so sehe ich das zumindest, wurden tatsächlich erst in diesen letzten Monaten erwachsen. Sie müssen – wir müssen – einen Reifeprozess jetzt nachholen, und zwar schnell. Wir, die wir nie richtig gegen die Elterngeneration aufbegehrt haben. Die Krisenfolge, in der wir uns seit einigen Jahren befinden, zuerst Corona und jetzt das Zerbrechen unserer Friedensvorstellungen, ist die Aufgabe, die unsere Generation zu lösen hat.

 

Das Narrativ des Dauerkrisenmodus’ widerspricht demjenigen, dass „die Geschmeidigen“ bisher ein sorgloses und behütetes Leben kannten. Was stimmt denn jetzt?

Ich glaube beides. Die Sorglosigkeit war ja eine relativ kurze Phase, vom Ende des Kalten Krieges bis zu 9/11 oder bis zum Brexit und Trumps Präsidentschaft. Das sind nur ein oder zwei Jahrzehnte. Für die Geschmeidigen waren das die prägenden Jahre der Adoleszenz und des Erwachsenwerdens. Aber auch die 90er waren ja nicht frei von Unsicherheiten oder gar Gewalt. Für Ostdeutsche zum Beispiel war nach der Wende sehr viel Orientierungslosigkeit da. Und wer in relativer Armut aufgewachsen ist, wird diese Sorglosigkeit auch nicht so gespürt haben. Zudem gab es sehr viele rassistische Übergriffe, es gab die Kriege auf dem Balkan, die Völkermorde in Ruanda und Srebrenica, die die Vereinten Nationen nicht verhindert haben. Damit brach eine weitere Sicherheit weg: Diejenige, dass Weltfrieden institutionalisierbar ist. Kurzum: Ich hänge sehr an der Theorie der Krisenhaftigkeit an.

 

Trotzdem: Die Balkankriege, die Genozide, das alles war zumindest für Westeuropa gefühlt weit weg. Erst die Pandemie und jetzt der Ukraine-Krieg führen uns vor Augen, dass bisher als selbstverständlich wahrgenommene Sicherheiten und Freiheiten es eben nicht sind.

Wir haben vieles als selbstverständlich genommen, das ist das Problem. Jetzt merken wir Stück für Stück, dass diese Sicherheiten so sicher gar nicht waren. Das sieht man an der Sicherheitsarchitektur Europas, die jetzt regelrecht implodiert ist. Gleichzeitig ist es natürlich richtig gewesen, den Frieden als verlässlich zu nehmen und friedlich aufwachsen zu dürfen. Man hätte aber nicht übersehen dürfen, dass man etwas dafür tun muss, um Frieden zu erhalten. Das sprechendste Buch für diese Zeit war natürlich jenes von Francis Fukuyama.

 

Das „Ende der Geschichte“?

Ja, leider wird es oft nur auf seinen Titel reduziert. Demnach übernimmt die Geschichte das Ruder, und zwar in eine Richtung: Mehr Wohlstand, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Frieden. Wir müssen als Individuen eigentlich gar nichts mehr tun. So stellt es Fukuyma gar nicht dar, auf diese Verkürzung wird das Buch durch den zu einprägsamen Titel aber immer wieder reduziert. Eine solche Auffassung nimmt uns aus der Verantwortung, etwas zu tun. Man wird bequem, zieht sich ins Private zurück und verliert den Blick fürs Gesamtgesellschaftliche. Das ist gefährlich.

 

Ändert sich das jetzt? Nehmen sich die Vierzigjährigen zunehmend den mühseligen Seiten des Engagements an?

Ich wünsche es mir, ob es gelingt, weiss ich nicht.

 

Typisch für diese Generation ist auch, wie Sie erwähnt haben, das Suchen nach Ausgleich und Kompromiss. Durch Social Media bewegt man sich aber vor allem in der eigenen Bubble, der Austausch fehlt.

Ich glaube, das Phänomen der Social-Media-Bubble ist in der jüngeren Generation noch stärker. Meine Generation ist immerhin in einer analogen Welt aufgewachsen, aber das Problem, Meinungen, die der eigenen widersprechen, auszublenden, gibt es auch hier – es ist ja auch nicht erst durch die Sozialen Medien entstanden, diese haben es aber verstärkt. Ohne Konfrontation kann man die eigenen Argumente nicht mehr schärfen, man hinterfragt sich nicht mehr selbst, ja man verblödet ein bisschen. Außerdem gibt es die Gefahr, dadurch intoleranter gegenüber Meinungen zu werden, die nicht deckungsgleich mit der eigenen sind.

 

Gibt es Hoffnung?

Ich glaube, dass die Fähigkeit des Konsens’ und des Brückenbauens aktuell noch stärker ist. Aber je länger man sich innerhalb einer Blase aufhält, desto mehr verlernt man zu sehen, was sich ausserhalb befindet.

 

Beim Lesen Ihres Buches, das sich primär im deutschen Kontext abspielt, habe ich mich manchmal gefragt: Wie sieht es im Rest von Europa aus? Welche Zukunft werden zum Beispiel die Vierzigjährigen in Frankreich gestalten?

In Frankreich ist ja sogar der Präsident ein Generationsgenosse. Er hat tatsächlich auch etwas Geschmeidiges an sich. Aber auch bei den Gelbwestenprotesten haben Menschen meiner Generation teilgenommen, sie waren wenig geschmeidig, sondern laut und radikal und vor allem sehr wütend. In Italien wiederum verlassen viele gut ausgebildete, jüngere Leute ihre Heimat, um im Ausland zu arbeiten. Stichwort Braindrain.

 

Arbeit und Karriere: Für die Vierzigjährigen tatsächlich etwas sehr Wichtiges. Und mit sehr viel Druck verbunden. 

Der Unterschied zwischen meiner und der vorherigen Generation zeigt sich ganz gut darin, wie Politikern Fehler angehaftet wurden oder werden. Der frühere grüne Aussenminister Joschka Fischer wurde mal dafür angegriffen, weil er in den Siebzigern Steine geworfen hat. Annalena Baerbock ist bei der Kandidatur ums Kanzleramt gestolpert, weil sie ihren Lebenslauf aufgehübscht hat. Ich persönlich finde sowas nicht in Ordnung, es ist aber auch eine Reaktion auf eine Zeit, in der die Ansprüche immer höher werden. Das scheint sich jetzt zu ändern. Bei den Jüngeren wird beim Berufseinstieg die Forderung nach mehr Freizeit wichtiger. Bei uns war das zumindest teilweise deutlich anders. Überstunden und unbezahlte Praktika waren Standard.

 

Hatte Ihre Generation deshalb vielleicht zu wenig Zeit, um sich mit Visionen und Idealen zu beschäftigten? „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, soll ein Politiker Ihrem Buch zufolge in den 90ern gesagt haben.

Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, in der ein gewisser Pragmatismus herrschte, den wir zum Teil übernommen haben. Das halte ich auch gar nicht für falsch. Ideale Politik, die sich nicht pragmatisch umsetzen lässt, mag sich schön anhören, bringt aber nichts. Die Umsetzbarkeit ist doch etwas absolut Zentrales bei politischen Vorhaben.

 

Aber Sie schreiben trotzdem: Visionen fehlen. Die Gesellschaft brauche wieder Ideen und Ideale, auf die sie sich freuen könne und auf die sie hinarbeiten müsse. 

Meine Generation hat sich zu lange im Klein-Klein verzettelt, im Kleingedruckten. Statt mit wehenden Fahnen loszureiten, hat sie den Rotstift angesetzt. Das wirklich visionäre Denken, das war mit den 90ern vorbei. Die Frage der zwei Systemalternativen Sozialismus und Kapitalismus hatte sich zugunsten des Kapitalismus geklärt. Der Boden war vorbereitet für demokratischen Wohlstand – was gab es da noch an grossen Entwürfen? Die Klimakrise, die längst sichtbar war, wurde nicht ernst genommen. Erst die Generation „Fridays for Future“ um Greta Thunberg schaffte es, eine weltweite Klimabewegung loszutreten.

 

Durch die Pandemie ist Greta Thunberg und mit ihr die Klimakrise in den Hintergrund geraten. Den Klimakollaps zu verhindern bezeichnen Sie als eine der wichtigsten Aufgaben Ihrer Generation – neben dem Aufrechterhalten demokratischer Strukturen. Welche Aufgabe ist drängender?

Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Die zentrale Aufgabe meiner Generation ist es, die Klimawende zu schaffen und zwar innerhalb demokratischer Strukturen. Es ist ein Zusammenspiel. Gerade von radikaleren Klimaaktivisten und -aktivistinnen werden demokratische Strukturen in Frage gestellt. Sie seien zu schwerfällig und die Prozesse nicht schnell genug, um die Klimakatastrophe aufzuhalten. Das halte ich für gefährlich, denn es legitimiert die Abschaffung der Demokratie zugunsten eines guten Zwecks. Historisch wissen wir, dass diese guten Zwecke immer in schaurigen Desastern geendet sind.

 

Und wir wissen auch, dass Autokratien nicht gerade Klimaturbos sind.

Bislang nicht.

 

Die Kritik an der Langsamkeit der demokratischen Prozesse scheint im Fall der Klimakrise aber berechtigt. 

Tempo schafft man, indem man die Leute mit ins Boot holt. Also gerade indem man Demokratie stärkt. Durch radikalen Aktivismus könnte die Klimabewegung aber an Ansehen und Legitimation in der breiten Bevölkerung eher verlieren. Radikale Aktivistinnen und Aktivisten stärken eher die Front derer, die überhaupt keine Lust haben, ihre Gewohnheiten zugunsten des Klimas zu ändern und lieber vor einer Ökodiktatur warnen. Hinzu kommt: Oft wird Langsamkeit allein dem demokratischen System angelastet, vieles könnte man aber auch an anderen Faktoren ausmachen: An verschleppten Prozessen, mangelnder Digitalisierung, Bequemlichkeit und falschen Investitionen. Ein Beispiel: Wir wären vermutlich weiter mit der verkehrspolitischen Wende, wenn die Deutsche Bahn nicht so schlecht wäre.

 

Von der Klimathematik abgesehen: Geopolitisch sind Demokratien nicht gerade auf Erfolgskurs, China und Russland werden immer stärker. Weshalb schafft Europa es nicht, eine wichtigere Rolle in der Welt zu spielen?

Europa hat viel versäumt. Schauen wir beispielsweise auf Afrika: China hat diesen Kontinent viel früher ernst genommen und auf Augenhöhe als wichtigen Investitionsmarkt erkannt. Auch Russland ist dort ein Player. Die europäische Afrikapolitik wurde viel zu lange vom hohen Ross herabgeführt und war mitleidsgetrieben. Und das zeigt jetzt auf Folgen im Ukraine-Krieg. Dass sich zahlreiche afrikanische Länder bei der UN-Abstimmung enthielten und damit weigerten, den russischen Angriffskrieg zu verurteilen, bedeutet nicht unbedingt, dass sie Krieg toll finden, sondern dass sie in Russland einen wichtigen Kooperationspartner sehen und nicht allein auf Europa vertrauen. Europa hat sich viel zu lange als Mittelpunkt der Welt gesehen und es aussenpolitisch verpasst, auf Augenhöhe mitzuspielen. Diese historisch gelernte Arroganz hätten wir uns viel früher abgewöhnen müssen.

 

Ist es der Arroganz oder dem Umstand geschuldet, dass Europa respektive die EU nur schwer mit einer Stimme sprechen kann, dass wir global heute nur ein kleiner Player sind?

Dass sich in Europa die Stimmen aussenpolitisch mitunter widersprechen können, ist ein anderes Problem. Die Selbstüberschätzung halte ich für das noch grössere.

 

Zum Schluss eine Frage zu den Frauen: Welche Rolle werden sie beim Gestalten unserer Zukunft spielen – oder spielen sie bereits, wenn man auf die Regierungen Skandinaviens blickt? 

Die Frauen meiner Generation werden definitiv wichtige Ämter übernehmen oder haben sie bereits inne. Was mir allerdings Sorgen macht, ist der Rückfall in traditionelle Rollenmuster, der Rückzug ins Private vor allem von Frauen, der sich ja auch beobachten lässt. Es ist vor allem ein Phänomen der Mittelschicht, in ärmeren Familien müssen ohnehin beide Elternteile arbeiten, um über die Runden zu kommen. Dennoch halte ich es für eine problematische Entwicklung, bei der sich wieder zeigt, dass diese, meine Generation zu wenig für bestimmte Rechte kämpfen musste. Wie bei der Frage nach Freiheit, Demokratie und Sicherheit muss man sich auch hier fragen, welche Rechte verloren gehen könnten, wenn man sie nicht fortwährend verteidigt.

Let Europe Arise. Welches Europa wollen die Millennials jetzt?

Am 23. und 24. November 2022 spricht Nora Bossong neben weiteren namhaften Referenten:innen im KKL Luzern am Annual Meeting des Europa Forums. Wir stellen die Frage: „Let Europe Arise. Welches Europa wollen die Millennials jetzt?“

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