Review: Event Wasserkraft Schweiz

Review: Event Wasserkraft Schweiz

Phyllis Scholl,
VR Alpiq

Maurice Dierick,
Leiter Markt Swissgrid

Daniel Fischlin,
CEO Kraftwerke Oberhasli

Marianne Zünd,
Leiterin Medien + Politik BFE

Die Schweizer Wasserkraft ist für die Sicherheit der Energieversorgung bedeutsam und gleichzeitig in einer schwierigen Lage. Wie heisst die Zukunft: Autarkie oder Batterie Europas?

 

Welche Zukunft hat die Schweizer Wasserkraft?

von Gabriela Jordan und Walter Steinmann

 

Ist die Schweizer Wasserkraft konkurrenzfähig? Drohen unserem Land Dunkelflauten und wer würde dafür die Verantwortung übernehmen? Diese und weitere Fragen diskutierten vier Experten am Podium des Europa Forum Luzern bei den Kraftwerken Oberhasli – tief im Fels des Grimselmassivs.

 

Wo könnte man besser über die Zukunft der Schweizer Wasserkraft diskutieren als inmitten eines Pumpspeicherkraftwerks? Das Europa Forum Luzern veranstaltete dieser Tage ein Podium bei den Kraftwerken Oberhasli (KWO) am Grimsel. Es war die erste Veranstaltung, die im Rahmen des Jahresthemas „Sicherheit in Zeiten der Unsicherheit“ physisch stattfand. 50 Personen durften präsent sein und pilgerten zum imposanten Grimselmassiv, um dort mehr über die Rolle der Wasserkraft für die Stromversorgungsicherheit der Schweiz zu erfahren.

 

Das Besondere am Anlass war, dass er tief im Grimselmassiv in der Turbinenhalle von Handeck 2 durchgeführt wurde. Die in den Jahren 2013 bis 2016 neu gebaute riesige Kaverne Handeck 2 ist höchst eindrücklich, die eigentliche Turbine befindet sich in 12 Metern Tiefe im Fels, im Saal bestechen ein riesiger Kranzug sowie ein Deckel, auf dem das Podium zur Wasserkraft stattfand. Der Besuch führte vor Augen, wie kapitalintensiv Wasserkraft im Vergleich zu Photovoltaik ist.

 

Die KWO hatten sich bereiterklärt, das Podium in ihren Räumen durchzuführen. CEO Daniel Fischlin präsentierte in einem spannenden Einführungsreferat die vielfältigen Herausforderungen, vor denen die Produzenten aktuell stehen. Er sprach von Klimawandel und Gesellschaftswandel, von volatilen Strompreisen sowie von Digitalisierung und Netzstabilität. Er zeigte aber auch auf, welche weiteren Investitionen im Grimselgebiet möglich sind und wie der sich bildende Gletscherrandsee Trift künftig für die Versorgungssicherheit unseres Landes genutzt werden könnte. Ohne Widerstand wird es wohl nicht gehen: Gegen die geplante Staumauer fanden bereits Protestaktionen statt.

 

Im anschliessenden Leadership-Talk stellten sich Phyllis Scholl (Verwaltungsrätin Alpiq, Energiedienst und EW Höfe), Maurice Dierick (Leiter Market Swissgrid) und Marianne Zünd (Leiterin Medien und Politik BFE) zusammen mit Daniel Fischlin den Fragen von Sven Millischer, Mitglied der Chefredaktion der Handelszeitung. Zu Beginn warf Millischer gleich die Frage in den Raum, wer für die Stromversorgung oder eine allfällige Strommangellage eigentlich verantwortlich ist. Den Ball wollte niemand so recht aufnehmen: Daniel Fischlin argumentierte, dass die KWO keinen gesetzlichen Auftrag mehr habe, Maurice Dierick erwiderte, dass die Swissgrid lediglich für den sicheren Netzbetrieb zuständig sei.

 

Von Phyllis Scholl wurde postuliert, dass sich die aktuellen Probleme nur lösen lassen, wenn im Strombereich wie in anderen Bereichen der Wirtschaft der Kunde ins Zentrum gestellt wird. Er sollte eigentlich bereit sein, für die Versorgungssicherheit etwas zu bezahlen. „Ich habe den Eindruck, dass eine grosse Verantwortung bei den Konsumenten liegt. Wir sollten ihnen viel mehr Bedeutung beimessen.“ Marianne Zünd nahm diesen Gedanken auf und folgerte, dass die Schweizerinnen und Schweizer mit ihrer Vorliebe, alles und jedes versichern zu lassen, vielleicht sich auch zu einer Versicherungsprämie für Versorgungssicherheit Strom bereiterklären könnten.

 

Die Diskussion nahm weiter Fahrt auf. Marianne Zünd hielt fest, dass die starke Förderung der neuen erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne eine unfaire Situation für die Wasserkraft und schlechte Investitionsanreize geschaffen hat. Auch deshalb sei der Bund aktuell daran, das Stromversorgungs- und Energiegesetz zu überarbeiten. Gleichzeitig verwies sie auf Wasserzinsen, Gewinnablieferungen und Steuern, die es für die Wasserkraft gibt. Das Narrativ der Wasserstromproduzenten sei deshalb viel zu negativ und führe nur dazu, dass die Energiequellen gegeneinander ausgespielt würden.

 

Daniel Fischlin, der damit angesprochen war, konterte, dass häufig vergessen gehe, dass Investitionen in die Wasserkraft einen viel längeren Zeithorizont bedürften. Er kritisierte, dass für Neuinvestitionen in grössere Wasserkraftwerke, welche wiederum für 80 Jahre Strom liefern werden, die Rahmenbedingungen aktuell zu unsicher seien. Hier müssten der Bund und die Kantone in den nächsten Jahren klare Signale aussenden.

 

Als sich das Gespräch weiter um das Marktumfeld drehte, gab Maurice Dierick zu Bedenken, dass der Strommarkt genau genommen kein Markt sondern ein Marktdesign sei. Er berichtete weiter, dass sich die Schweizer Vertreter wegen des fehlenden Stromabkommens heute in den zuständigen europäischen Branchengremien wie ENTSO-E beinahe nur noch dank einer Guerilla-Strategie einbringen könnten – wie etwa als Protokollführer oder Erbringer anderer Hilfeleistungen. Auf der kommerziellen Seite hätten die Schweizer Stromanbieter immer mehr Barrieren zu überwinden und könnten die Produkte nicht mehr zu denselben Bedingungen wie die europäische Konkurrenz anbieten. Das wirke sich auf die Ergebnisse der Stromfirmen immer stärker aus.

 

In ihrem Schlussvotum präsentierte Marianne Zünd zwei zentrale Ergebnisse der im November erscheinenden neuen Energieperspektiven des Bundesamts für Energie, welche über das Jahr 2050 hinaus eine Sicht geben sollen. Erstens: Energieversorgungssicherheit lässt sich in unserem Land nur zusammen mit unseren Nachbarn sowie Europa garantieren. Zweitens: Die Wasserkraft wird auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen. Sie wird insbesondere eine wichtige Funktion beim Ausgleich der anderen erneuerbaren Energien wie Photovoltaik, Wind, Biomasse etc. übernehmen und damit ein unumstösslicher Pfeiler unserer Versorgungssicherheit sein.

 

Nach einigen Fragen aus dem Publikum neigte sich der Anlass dann bereits dem Ende zu. Es blieb noch etwas Zeit für das Apero, Gespräche und einen geführten Rundgang durch das Tunnelsystem des Kraftwerks. Danach traten die Besucher mit hoffentlich vielen neuen Erkenntnissen und wertvollen Begegnungen den Weg ins Tal an – oder liessen sich zuerst noch im Restaurant Handeck verköstigen.


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