Schweizer Exporte brechen ein

Schweizer Exporte brechen ein

11.06.2020/gjor

Für den Schweizer Industriestandort wird es immer enger – es gibt aber auch Grund für Zuversicht. Mit Hans Hess, Präsident Swissmem im Interview.

Sinkende Exporte und leere Auftragsbücher: Der Industrie steht wegen der Coronapandemie eine grosse Krise bevor. Abgesänge auf die Schweizer Exportwirtschaft sind dennoch fehl am Platz. Der hiesige Industriestandort hat noch einige Trümpfe in der Hand.

Wer leistet sich schon eine Schweizer Luxus-Uhr, wenn die Coronakrise einen bald den Job kosten könnte? Ein neues Auto oder eine Waschmaschine? Auch diese Anschaffungen können im Moment warten. Weltweit ist die Stimmung der Konsumenten auf einem Tiefpunkt. Die Stimmung in den exportorientierten Branchen deshalb ebenso. Die Auftragsbücher sind leer, die Sorgen gross. Während bei Restaurants und Läden allmählich leichte Erholung einsetzt, werden die Folgen der Coronapandemie die Industrie erst noch richtig treffen.

Das gilt auch für die exportorientierte Schweiz, die sich dem globalen Abwärtstrend nicht entziehen kann. Nach mehreren guten Jahren steht der Industrie eine grosse Krise bevor. Für das zweite und dritte Quartal rechnen die hiesigen Unternehmen mit massiven Umsatzverlusten. „Ab wann es wieder aufwärtsgeht, ist im Moment völlig offen“, sagt Hans Hess. Er ist Präsident des Verbandes Swissmem, der die Interessen der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie vertritt. Die MEM-Industrie, die schon vor Corona an Umsätzen verlor, sowie die Uhren- und Luxusgüterindustrie, sind von der Krise am stärksten betroffen.

Einen Vorgeschmack auf das erwartete Debakel geben die Handelszahlen vom April. Die Exporte brachen im Vergleich zum März saisonbereinigt um 11,7 Prozent ein (um 2,2 Milliarden auf 16,7 Milliarden Franken). Die Sparten Bijouterie und Juwelierwaren verbuchten ein Minus von 77 Prozent, Uhren ein Minus von 72,6 Prozent. Die Exporte von Maschinen und Elektronik gingen um 4,5 Prozent zurück, die von Metallen um 13,1 Prozent. Auch Pharma- und Chemieprodukte waren im April weniger gefragt (minus 4,8 Prozent). Die Importe in die Schweiz sanken innert Monatsfrist sogar um 21,9 Prozent (um 3,5 Milliarden auf 12,4 Milliarden Franken). In beide Richtungen sind es laut der Eidgenössischen Zollverwaltung die höchsten monatlichen Rückgänge seit Jahrzehnten.

Ob der Mai noch schlimmer war oder leichte Erholung gebracht hat, ist statistisch noch nicht ausgewertet. Aufschluss gibt aber ein neuer Indikator: Der Lastwagenverkehr an der Grenze, der praktisch in Echtzeit Hinweise auf die Exporttätigkeit gibt – auf diese Weise umgehen Ökonomen das Problem, dass Wirtschaftsdaten erst Wochen oder Monate verzögert verfügbar sind.

Der Lastwagenverkehr zeigt, dass es für eine Entwarnung noch deutlich zu früh ist: Im Mai gab es gegenüber dem Vorjahresmonat 17,5 Prozent weniger Ein- und Ausfuhren. Im April waren es minus 22 Prozent, im Januar noch plus 0,5 Prozent. Die Zollverwaltung gibt ausserdem zu Bedenken, dass diese Zahlen nichts über das transportierte Volumen aussagen – manche Lastwagen fahren möglicherweise halb leer über die Grenze.

„Schweizweit sind die Befürchtungen gross“, fasst der Direktor Luca Albertoni von der Handelskammer Tessin die Situation zusammen. „Am schlimmsten ist die Unsicherheit darüber, was auf den anderen Märkten passiert. Sprich, wie sich die Nachfrage im Ausland entwickeln wird.“ Albertoni befrüchtet, dass die Schweizer Exporte im laufenden Monat sogar um 30 bis 40 Prozent einbrechen werden. „Bisher hat die Industrie zwar weitergearbeitet – wenn auch reduziert. In den allermeisten Fällen wurden aber bloss Aufträge erledigt, die schon vor dem Ausbruch der Coronapandemie eingegangen sind. Die grosse Sorge ist nun, dass in den nächsten Monaten und auch nächstes Jahr kaum neue Aufträge dazu kommen.“

Was also passiert auf den anderen Märkten? In China scheint das Schlimmste vorbei zu sein: Der Alltag geht seit Wochen wieder seinen normalen Gang, bis Ende Jahr kann die Volksrepublik sogar auf ein Plus hoffen. Das legt der Einkaufsmanagerindex (PMI) für das verarbeitende Gewerbe nahe, der für China aktuell knapp über 50 Punkte liegt. Jeder Wert über 50 bedeutet Wachstum, jeder Wert darunter Rückgang. Der Index setzt sich aus Indikatoren wie Auftragsbestand, Produktion und Beschäftigung zusammen.

China allein wird die Nachfragelücke anderer Länder allerdings nicht kompensieren können. Wichtiger für die Schweiz sind die Absatzmärkte Nordamerika und Europa. Dort ist die Lage düster: In den USA liegt der Index bei 43,1 Punkten, in der Euro-Zone bei lediglich 31,9 und in Deutschland, das aufgrund der mächtigen Autobranche ein wichtiger Absatzmarkt für Tausende Schweizer Zuliefererfirmen ist, bei 36,6. In der Schweiz beträgt der Index 42,1. Kurz: Die tiefen Werte deuten auf eine Rezession hin und verheissen für die Industrie nichts Gutes.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Welt bald vom Coronavirus erholt. Prognosen über die Entwicklung der Pandemie und der Wirtschaft sind schwierig und ändern sich im Wochentakt. Doch auch längerfristig deuten mehrere Faktoren darauf hin, dass es für den Schweizer Industriestandort enger wird. „Die Schweiz ist zwar noch wettbewerbsfähig, die Konkurrenz wird aber immer stärker, die Bedingungen werden immer härter“, sagt Luca Albertoni. Ein bekannter Nachteil der Schweiz sind die hohen Produktionskosten, die unter anderem mit den hohen Löhnen zusammenhängen. „Hinzu kommt, dass der wichtige EU-Markt nicht immer in bester Form ist. Auch der Brexit bringt viele Unsicherheiten mit sich.“

In Pessimismus zu verfallen wäre trotzdem falsch. Einige Faktoren geben durchaus Grund für Zuversicht: Die Digitalisierung könnte erstens zu tieferen Produktionskosten führen. Das muss nicht zwingend bedeuten, dass Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, auch Effizienzgewinne bei Produktionsschritten können Spareffekte herbeiführen. Zweitens hat gerade die Coronakrise gezeigt, wie wichtig stabile politische und rechtliche Verhältnisse für Unternehmen sind. Europa und vor allem die Schweiz sind in diesem Bereich sehr gut aufgestellt. Die amerikanische und die chinesische Regierung hingegen haben mit ihrem umstrittenen und manchmal unberechenbaren Verhalten viel Glaubwürdigkeit und Vertrauen verspielt, auch bei Unternehmen.

Die Wettbewerbsfähigkeit Europas und der Schweiz kann laut Albertoni davon profitieren: „Mehrere Schweizer Firmen haben mir bestätigt, dass sie ihre Produktion von China nach Europa verlagern wollen. Das könnte eine Folge davon sein und auch der Schweiz in die Hände spielen.“ Unter dem Strich, fügt er hinzu, ist die Schweiz immer noch ein attraktives Land.

 

Hans Hess, Präsident von Swissmem im Interview

/ zum interview Schweizer Exporte in Zeiten von Corona