Schweizer Forschung:
Wie weiter ohne Horizon?

Das Scheitern des Rahmenabkommens bringt die ersten negativen Folgen mit sich: Die EU schliesst die Schweiz aus dem Forschungsprogramm „Horizon Europe“ aus. Wie schlimm trifft das die hiesigen Forscher:innen? Eine Einschätzung von Bruno Staffelbach, Rektor der Universität Luzern, und Alexander Trechsel, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Luzern.

  • Die Schweiz gilt nur noch als nicht-assoziierter Drittstaat. Was bedeutet der Teilausschluss?

Es bedeutet, dass sich Schweizer Forschende nicht mehr um EU-Forschungsgelder für Forschungsprojekte im grossen Forschungsrahmenprogramm „Horizon Europe“ bewerben können. Das Programm hat einen Umfang von 95 Milliarden Euro. Diese Einschränkung gilt zunächst für 2021.

 

  • Welche Möglichkeiten hat die Schweiz jetzt noch?

Schweizer Forschende dürfen sich weiterhin an den Ausschreibungen beteiligen, und sich für Initiativen und Programme von „Horizon Europe“ bewerben. Aber die Finanzierung erfolgt nicht mehr durch die EU. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) springt derzeit ein und übernimmt die Finanzierung der erfolgreichen Projekteingaben.

 

  • Welche Forschungsbereiche sind besonders betroffen?

Nebst dem Wegfall von Forschungsfinanzierung durch die EU bedeutet der Status als nicht-assoziierter Drittstaat, zum Beispiel, dass sich Forschende an Schweizer Universitäten nicht mehr für die European Research Council Grants (ERC Grants) bewerben können. Dies betrifft alle Forschungsbereiche.

 

  • Hat dies direkte Folgen für die Universität Luzern?

Ja, allerdings sind die Folgen für die Universität Luzern weniger bedeutsam als für die grossen universitären Institutionen in der Schweiz. So hat die ETH zum Beispiel seit 2007 satte 500 Millionen an ERC-Geldern erhalten. Die Universität Luzern ist gelegentlich an europäischen Forschungsprojekten als Partnerinstitution beteiligt, aber im Vergleich zu den SNF-Projekten bleibt deren Anteil überschaubar. Das Gleiche gilt für die ERC-Grants. Hier haben wir erst dieses Jahr einen ersten Grant erhalten dürfen, dank Prof. Dr. Mira Burri von der Rechtswissenschaftlichen Fakultät.

 

  • Wie lange wird dieser Zustand so bleiben?

Sobald die zweite Kohäsionsmilliarde von der Schweiz – wie versprochen – bezahlt wird, sollte der Druck auf die Schweiz bei „Horizon Europe“ abnehmen. Wir hoffen auf eine Normalisierung der Lage im nächsten Jahr.

 

  • Könnten Forscher die Schweiz verlassen und Schweizer Hochschulen an Bedeutung verlieren? 

Wir hoffen, dass dies nicht kurzfristig eintreten wird. Die Schweiz kompensiert bereits den Ausfall der Finanzierungen bei Projekten. Bei ERC-Projekten wird die Schweiz allerdings nicht mehr kompetitiv mitmachen können. Wer einen ERC einreichen will und über keine verstetigte Stelle in der Schweiz verfügt, wird zum jetzigen Zeitpunkt wohl oder übel sein Glück im Ausland versuchen müssen. Das kann die Schweizer Forschungslandschaft natürlich stark treffen und ist eine sehr unerfreuliche Tatsache.

 

  • Folgen für Studentinnen und Studenten: Werden Hochschulen aufgrund der Unsicherheiten mehr Mühe haben, gute Professoren respektive Dozenten zu gewinnen?

Die Schweizer Universitäten müssen kompetitiv bleiben. Dass sie hervorragende, international anerkannte Forschung betreiben, ist allen klar. Die Voraussetzungen dafür sind mit oder ohne EU-Gelder hervorragend, da für letztere kompensiert werden kann. Es ist aber forschungspolitisch eine Katastrophe, wenn Schweizer Forschungsinstitutionen von der EU ausgeschlossen werden. Wir sind stark mit Forschenden aus dem EU-Raum vernetzt und diese Vernetzung ist in der Wissenschaft unabdingbar. Es wird immer mehr in Forschungsteams gearbeitet und das stille Kämmerlein gibt es in der Forschung nicht mehr.