Die Stimmen aus Brüssel

Die Stimmen aus Brüssel

19.06.2020/rhes

Als Schweizer Korrespondent in der Brüsseler Blase. Wer als Journalist in Brüssel lebt und arbeitet kann sich glücklich schätzen.  Eine Kolumne von Remo Hess.

Neben Washington D.C. ist die belgische Hauptstadt der grösste Polit-Hotspots der Welt. Die hier angesiedelten EU-Institutionen und die Nato entfalten eine Sogwirkung. Die Dichte an Diplomaten, Politikern und Interessenvertretern ist immens. 

Entsprechend hoch ist die Zahl an internationalen Journalisten und Journalistinnen in Brüssel. 848 Medienschaffende waren bei den Europäischen Institutionen im Jahr 2020 akkreditiert. Das sind zwar 200 weniger als noch vor zwei Jahren. Aber immerhin: die «Brussels-Bubble» lebt.

Für Schweizer Medien berichten gemäss dem Nachrichten-Portal «Politico» derzeit 15 Journalistinnen und Journalisten aus der EU-Hauptstadt. Auf den ersten Blick ist das EU-Nicht-Mitglied Schweiz damit besser aufgestellt, als so manch einer der EU-Staaten. Österreich zum Beispiel hat nur 11 Medienschaffende vor Ort.

 

Bei den Zahlenvergleichen sollte man aber vorsichtig sein. Die Schweiz ist im Gegensatz zu Österreich dreisprachig. Ersichtlich wird auch nicht, wie viele der Journalisten bloss Teilzeit für Schweizer Medien arbeiten, ob es sich um klassische Korrespondenten handelt, um freie Mitarbeiter oder sogenannt «feste Freie». Mir selbst sind auch nur 13 Kolleginnen und Kollegen bekannt, die für hiesige Medien arbeiten. Der Vollständigkeit halber hier die Liste:

  • Schweizer Radio und Fernsehen: 5
  • NZZ: 2
  • Tagesanzeiger: 1
  • CH Media: 1
  • SDA/Keystone: 1
  • Le Temps: 1
  • Tribune de Genève: 1
  • La Liberté/Le Nouvelliste u.a.: 1

Mit mehr als einem Drittel aller Schweizer Korris stellt die SRG ein starkes Team in Brüssel. Das liegt freilich an der Vertretung der drei Sprachregionen. Was die Liste auch nicht zeigt: Nur noch Deutschschweizer Medien leisten sich eigenen Korrespondenten. Seit Le Temps ihren Mann vor ein paar Jahren abgezogen hat, setzen alle Westschweizer Zeitungen auf freie Mitarbeiter, die noch für andere Publikationen schreiben. Auch die Sonntagszeitungen haben keine eigenen Leute vor Ort. Im Vergleich zu vorigen Jahren ist die Schweizer Präsenz in Brüssel rückläufig. Und es ist klar: Mit der Krise der etablierten Medien wird es auch nicht besser.

 

Ein einigermassen heikles Terrain ist die Zusammensetzung des Schweizer Pressecorps. Längst nicht alle Schweiz-Korrespondenten verfügen nämlich über einen Schweizer Pass. Es gibt Franzosen, Belgier, Italiener und Deutsche, die für Schweizer Medien aus Brüssel rapportieren. Das ist insofern eine Erwähnung wert, weil es im Schweizer Selbstverständnis lange unbestritten war, dass bloss ein genuin «eidgenössischer» Journalist über das komplexe Verhältnis der Schweiz zur EU berichten kann. Das ist natürlich übertrieben. Grundsätzlich sollte jeder Journalist angemessen über das bilaterale Verhältnis schreiben können, sofern er oder sie eine Ahnung von der Materie hat. Trotzdem: Eine gewisse Sozialisierung mit der Schweiz und ihrer politischen Kultur scheint mir wesentlich zu sein.

Neben der Frage des «Inländervorrangs» geht es aber auch darum, was eigentlich die Aufgabe und das Rollenverständnis eines Schweizer Korrespondenten in Brüssel sein soll? Geht es darum, die «Brüsseler-Sicht» in die Schweiz zu transportieren? Ist der Schweizer Korrespondent auf dem EU-Aussenposten dazu da, die Stimmung in der EU einzufangen und in die Heimat zu vermelden? Oder soll er vielmehr die EU grundsätzlich aus Schweizer Warte hinterfragen, sie wann immer möglich «Einschweizern» und sie ausschliesslich durch die Schweizer Brille begleiten? Eine abschliessendes Urteil gibt es wahrscheinlich nicht.  Ich finde es sowohl problematisch, wenn sich ein Korrespondent in Brüssel als «Anwalt» für die Schweizer Sache versteht, wie wenn er sich als «Pressesprecher» für die EU-Kommission inszeniert. Letzteres wird uns Korrespondenten in Brüssel mitunter auch mal vorgeworfen. Es heisst dann, die Schweizer seien «eingebettete» Journalisten oder liessen sich von der EU instrumentalisieren. Gerade in der aufgeheizten Debatte um das institutionelle Rahmenabkommen war das wieder öfter der Fall.

Übrigens: Ähnlich geht es den britischen Kollegen. Auch ihnen wird zuweilen vorgeworfen, verdeckte EU-Turbos zu sein, während sie in der Brüsseler-Blase eher als Euroskeptiker wahrgenommen werden. Solange sich die Vorwürfe Waage halten, ist das in Ordnung, ist man versucht zu sagen.

 

Manchmal trifft man unter europäischen Kollegen aber auch auf die Frage: Warum leisten sich die Schweizer Medien überhaupt eigene Korrespondenten in Brüssel? Immerhin ist die Schweiz ja nicht Mitglied in der EU. Was intressiert euch das alles überhaupt? Ich antworte dann jeweils: Die Schweizerinnen und Schweizer interessieren sich umso mehr für die EU, weil sie gerade nicht dabei sind. Spätestens seit der EWR-Abstimmung 1992 arbeitet sich die Schweiz an der Europafrage ab. Die Zuwanderungs-Initiative 2014 und das institutionelle Rahmenabkommen haben nochmals für einen Schub gesorgt. Dazu kommen Themen wie die Eurokrise, die Migrationskrise 2015 oder der Brexit, die eine europäische Klammer auch um die Schweiz herumbilden. Ich denke, permanente Auseinandersetzung der Schweizerinnen und Schweizer mit Europa befördert die Qualität des politischen Diskurs. In der Schweiz ist jeder fast ein bisschen Europa-Experte. Damit das gelingt, braucht es aber auch eine Europa-Berichterstattung, die ohne solide Präsenz in Brüssel nicht zu machen wäre.

 

Remo_Hess_Portrait

Remo Hess (34), berichtet seit 2016 als Korrespondent von «CH Media» aus Brüssel über die EU-Politik und die Nato. Er studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, Politologie und neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich und schloss mit dem Master ab.

Remo Hess schreibt an dieser Stelle in unregelmässigen Abständen über News und Hintergründiges aus der EU-Hauptstadt Brüssel für die Leserschaft des Europa Forum Luzern.