Studi-Blog:
Hejsan aus Göteborg

06.10.2020/rett

Das Universitäts-Leben in Göteborg findet dieses Jahr vor allem über Zoom statt. Dennoch ist die Rückkehr nach Schweden eine Freude. Ein Blog von Rahel Ettlin, Studentin in Göteborg.

 

Välkommen till Sverige!

So hatte ich mir meinen Master im Ausland nicht vorgestellt. Aber so geht es wohl vielen im Jahr 2020 – alles ein wenig anders als geplant. Auch wenn ich alle meine Vorlesungen online machen könnte, habe ich mich entschieden nach Göteborg zurückzukehren. Natürlich mit dem Zug, wie auch anders, in das Land von Greta Thunberg und Flygskam. Ohne grosse Probleme habe ich die 20 Stunden hinter mich gebracht. In Deutschland und Dänemark wurde dabei noch brav die Maske getragen. In Schweden angekommen, hat sich das dann schnell geändert. Niemand trägt hier eine Maske. Anfangs war ich noch motiviert, es auch hier durchzuziehen. Nach ein paar Tagen und vielen misstrauischen Blicken, habe ich es dann aufgegeben.

 

«Statt im Hörsaal sitze ich nun im Pyjama
in meinem Studentenzimmer
und verfolge die Zoomvorlesungen.»

 

Trotz lockerer Massnahmen, ist in diesem Semester nicht mehr viel vom normalen Unialltag zu spüren. Statt im Hörsaal sitze ich nun im Pyjama in meinem Studentenzimmer und verfolge die Zoomvorlesungen. Ich verbringe generell mehr Zeit in meinem Zimmer, denn die Bibliotheksplätze sind noch begrenzter als sonst. Durch wegfallende soziale Kontrolle braucht es deutlich mehr Selbstdisziplin. Niemanden fällt es auf, wenn ich nicht in die Vorlesung gehe. Mein Fazit: Es ist eindeutig einfacher zu prokrastinieren, wenn das Bett nur zwei Meter vom Arbeitsplatz entfernt ist.

 

Neben dem Ort hat sich auch der Inhalt des Studiums verändert. In meinem Master befasse ich mich grundsätzlich damit, wie Erkenntnisse aus der Forschung auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene umgesetzt werden können. Dabei zeigt sich oft, wie unterschiedliche Perspektiven zu anderen Lösungsansätzen führen. Aus diesem Grund werden diese am besten im Dialog erarbeitet. Während meiner Zeit hier ist mir aufgefallen, wie sehr man in Schweden Wert auf eine gute Diskussionskultur legt. Der Unterricht ist viel interaktiver als in der Schweiz. Ein Grund dafür sind sicher weniger Berührungsängste zwischen Professoren und Studierenden. Man duzt sich untereinander und schreckt auch weniger davor zurück Argumente von Dozenten in Frage zu stellen.

 

Dieses Jahr habe ich gemerkt, dass es eindeutig schwerer ist, gute Diskussionen auf Zoom zu führen. Es fühlt sich einfach nicht natürlich an und ich fühle mich viel gehemmter etwas zu sagen. Ich glaube es geht vielen so. Die Zoomvorlesungen sind oft kürzer und auf das Nötigste beschränkt.  Ich vermisse es, dass Professoren während der Vorlesung abschweifen und von ihrer Zeit als Wahlbeobachter in Tunesien erzählen. Oder auch wie Mitstudenten aus Nigeria einer Vorlesung zu Boko Haram mit persönlichen Erlebnissen einen ganz anderen Bezug schaffen. Gerade diese Sachen haben mir immer geholfen, mich nicht im abstrakten akademischen Diskurs zu verlieren.

 

Auch mein soziales Umfeld hat sich in diesem Semester verändert. Nicht alle meine Studienkollegen sind nach Göteborg zurückgekommen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Manchen fehlt die Aufenthaltsbewilligung, anderen das Geld. Freunde von mir mussten ihre aufwändig geplanten Auslandssemester absagen und kurzfristig Wohnungen suchen.

 

«Doch es sind vor allem die kleinen Sachen,
die mir jetzt im Alltag fehlen.»

 

Die meisten von der Uni organisierten Social Events finden dieses Jahr nur online statt. Auch wenn es gut gemeint ist, fehlt mir die Motivation dazu. Nach einem Tag Zoomvorlesungen, habe ich keine Lust mehr weiter auf meinen Bildschirm zu starren. Doch es sind vor allem die kleinen Sachen, die mir jetzt im Alltag fehlen. Kannelbulle essen in der Pause, ein kurzes Gespräch im Gang oder das Bier nach der Vorlesung. All die spontanen Treffpunkte fallen jetzt einfach weg. Das ist allerdings nicht nur schlecht. Es zwingt mich dazu bewusster zu überlegen, mit welchen Leuten ich wirklich Zeit verbringen möchte. Anstatt Partys gibt es dieses Semester halt mehr gemeinsame Znacht im kleinen Kreis. Da lernt man die Studienkollegen sowieso besser kennen. Mein Eindruck ist, dass die Gespräche oft tiefgründiger geworden sind. Das letzte Jahr hat viele von uns dazu gezwungen, noch intensiver darüber nachzudenken was uns wirklich wichtig ist und wie wir in Zukunft leben möchten.

 

Mein letztes Studienjahr wird auf vielen Ebenen anders sein. Trotzdem freue ich mich darauf, das kommende Jahr in Schweden zu geniessen und ein paar Eindrücke mit euch zu teilen.

Hej så länge! (Bis bald)

 

Rahel Ettlin (25) wuchs in Luzern und Stans auf. An vielen Fächern interessiert und von der Wahl des Studiums überfordert, war der interdisziplinäre Studiengang Internationale Beziehungen in Genf die perfekte Lösung. Nach dem Bachelor absolvierte sie ein Praktikum bei der Bundeskanzlei in Bern und dem Generalkonsulat in Ho Chi Minh City. Momentan studiert sie International Administration and Global Governance in Göteborg.