Studi-Blog:
Zimmer gesucht

01.12.2020/rett

Die Wohnsituation ist insbesondere für internationale Studenten in Schweden ein Dauerthema. Wohnungsmangel, lange Wartelisten und überteuerte Mietpreise erschweren die Suche nach bezahlbaren Zimmern. Ein Blog von Rahel Ettlin, Studentin in Göteborg.


Weshalb WGs für Schweden das Gleiche wie Kommunen sind

 

Wo wohnst du? Das war eine der ersten Fragen, die mir in Schweden gestellt wurde. Mittlerweile bin ich es mir gewöhnt, dass sie hier zum Smalltalk gehört. Ähnlich wie das Wetter, ist die Wohnsituation ein dankbares Gesprächsthema. Obwohl man denken könnte, dass es in Schweden genug Platz hat, gibt es vor allem in den Städten einen latenten Wohnungsmangel.


«Schon im Willkommensbrief der Uni

wurde betont, dass man sofort
eine Wohngelegenheit suchen sollte.»

 

Da die meisten Mietverträge in Schweden über Wartelisten vergeben werden, ist es für internationale Studentinnen und Studenten beinahe unmöglich, direkt eine Wohnung zu finden. Die durchschnittliche Wartezeit für eine Wohnung in Göteborg liegt momentan bei drei Jahren. Der sozial ausgerichtete Mietmarkt ist zwar toll für Menschen, die schon lange hier wohnen, wird aber immer mehr zum Problem für Zuzüger sowie junge Leute.

 

Weil ich keine drei Jahre warten konnte, blieb mir nichts Anderes übrig, als mein erstes Zimmer inoffiziell über Facebook zu suchen. Ideal waren die Umstände nicht. Anfangs hatte ich keinen Mietvertrag und auch keine offizielle Adresse. Die Wohnung war gut ausgestattet und mein Zimmer angenehm gross. Trotzdem fühlte ich mich dort oft unwohl, weil ich eigentlich «illegal» dort wohnte. Ich wusste nicht, wie lange ich bleiben durfte und konnte mich ohne offizielle Adresse auch nicht bei der Stadt anmelden. Dennoch hatte ich im Vergleich zu meinen Mitstudierenden Glück: Manche mussten eine Stunde bis zur Uni pendeln, andere teilten sich zusammen ein überteuertes Zimmer.

 

Vor allem zum Semesterbeginn wird die Not der internationalen Studentinnen und Studenten oft ausgenutzt, privat untervermietete Zimmer können bis zu 700 Franken pro Monat kosten. Studentinnen und Studenten aus Zürich oder Genf sind sich vielleicht solche Preise gewohnt. Jedoch ist es viel, wenn man bedenkt, dass ein Zimmer im Studentenwohnheim in Schweden normalerweise 300 bis 400 Franken kostet. Auch wenn ich mir von Genf bereits einige Schwierigkeiten gewohnt bin, finde ich es hier mit dem ungewohnten System eindeutig komplizierter.

 

Nachdem mir dann im letzten Frühling mein Zimmer ohne Mietvertrag zum Verhängnis wurde (Surprise, surprise), musste ich schnell eine Alternative finden. Immerhin konnte ich seit meiner Ankunft schon zehn Monate Wartezeit sammeln. Dadurch hatte ich nun etwas bessere Chancen, ein Zimmer im Studentenwohnheim zu finden. Stunden auf dem Webportal, tägliche Besuche bei der Studentenwohnheimvermittlung und ein paar Tricks später: Ich habe es geschafft! Nach drei Jahren im Studentenwohnheim in Genf hatte ich mir zwar geschworen: Nie wieder! Aber ein Zimmer ist besser als kein Zimmer. Momentan teile ich eine Küche und mehrere Duschen zusammen mit 14 anderen Leuten. Immerhin gehört eine Sauna zur Grundausstattung in Schweden dazu.

 

«Es ist schön
mit so vielen Menschen
zusammen zu wohnen.
»

 

Man trifft sich in der Küche und hat so immer Gelegenheit für ein kurzes Gespräch. Ab und zu treffen wir uns auch abends auf ein Bier oder veranstalten gemeinsame Kochabende. Begeistert bin ich vor allem vom Essen meiner Indischen Mitbewohner. Ihre selbstgemachten Currygewürzmischungen riechen nicht nur wunderbar, sondern sind dem gekauften Currypulver auch geschmacklich eindeutig überlegen.

 

Anderseits gibt es definitiv auch Momente, in denen ich gerne in Ruhe kochen würde. Zudem lässt die Sauberkeit bei so vielen Leuten leider oft zu wünschen übrig. Oft stapelt sich dreckiges Geschirr, da einige es wohl als nicht nötig sehen, ihre eigenen Sachen abzuwaschen.

 

Meine Zimmernachbarn sind vor allem internationale Studentinnen und Studenten. Denn Leute, die genug Wartezeit angesammelt haben (sprich Schweden) wohnen in 1-Zimmer-Wohnungen. Im Gegensatz zur Schweiz gibt es das Konzept von WGs fast nicht in Schweden. Dies liegt vor allem daran, dass hier Privatsphäre sehr hoch gewichtet wird. «Ich hätte Angst, mich mit meinen Freunden zu zerstreiten, falls wir zusammenwohnen würden», meint einer meiner schwedischen Kollegen. Eine andere Freundin meint sogar, dass nur Leute in Kommunen so zusammenlebten.

 

«Nicht nur bei jungen Leuten
ist diese individualistische Sichtweise
ausgeprägt.
»

 

Sehr viele Schweden leben allein, 40 Prozent der schwedischen Haushalte werden von Einzelpersonen bewohnt. Damit liegt Schweden an der Spitze im europäischen Vergleich. Experten vermuten sogar, dass dieser Faktor wichtig für die langsame Verbreitung des Coronavirus sein könnte.

 

Einerseits gefällt mir diese Selbständigkeit in Schweden. Der ausgebaute Sozialstaat erlaubt es Menschen, ihr Leben möglichst eigenständig zu gestalten. Andererseits frage ich mich aber auch, wie sich das auf das gesellschaftliche Zusammenleben auswirkt. Mein Eindruck ist, dass Unterstützung hier oft viel eher auf der staatlichen als auf der privaten Ebene diskutiert wird. Studenten nehmen beispielsweise ein Studiendarlehen auf und werden nur selten von den Eltern unterstützt.

 

Durch meine verschiedene Wohnsituationen habe ich jedenfalls schon viel über die schwedische Kultur gelernt. Und bald bekomme ich nochmals eine neue Perspektive: im Dezember ziehe ich in eine WG (hoffentlich ist es keine Kommune). Ich freue mich darauf, zum ersten Mal gemeinsam mit meinen Freundinnen zu wohnen und einen neuen Ort von Göteborg zu entdecken.

Rahel Ettlin (25) wuchs in Luzern und Stans auf. An vielen Fächern interessiert und von der Wahl des Studiums überfordert, war der interdisziplinäre Studiengang Internationale Beziehungen in Genf die perfekte Lösung. Nach dem Bachelor absolvierte sie ein Praktikum bei der Bundeskanzlei in Bern und dem Generalkonsulat in Ho Chi Minh City. Momentan studiert sie International Administration and Global Governance in Göteborg.